Kanaren - Kultur und Mentalität
Die kulturelle Identität der Kanaren liegt irgendwo zwischen drei Kontinenten: Europa, Afrika und Amerika. Diese Brückenfunktion der Inselgruppe brachte eine besondere kulturelle Realität hervor, die sich in Sprache, Traditionen und Lebensweise widerspiegelt. Zum einen hat die Migration von und nach Südamerika unübersehbare Spuren hinterlassen, zum anderen hat die Nähe zum Afrikanischen Kontinent entscheidend zur Herausbildung der kanarischen Mentalität beigetragen.
So stammt ein großer Teil der Bevölkerung von den afrikanischen Sklaven ab und hat daher recht dunkle bis schwarze Hautfarbe. Aber auch die Europäer haben Ihre Spuren hinterlassen. Es gibt darum einige sehr hellhäutige und sogar dunkle Menschen mit blonden Haaren. Ein richtiges Farbengemisch. Dennoch, die 500jährige Vorherrschaft der spanischen Kultur dominiert praktisch alle Alltagsebenen. Zu nennen wäre die spanische Sprache, die die kanarische Bevölkerung, wie auch die ansässigen Lateinamerikaner, mit dem Festland verbindet. Das kanarische Spanisch ist allerdings durch die linguistische Vielfältigkeit beeinflusst worden. So zeichnet sich der Dialekt der Bewohner durch einen sanften Tonfall aus, der an das Südamerikanisch erinnert.Eine weitere, entscheidende Prägung hat die Kultur durch die religiöse Bindung an den spanischen Katholizismus erfahren. 99% der kanarischen Bevölkerung gehört dem katholischen Glauben an und bringt dieses, bei den über das ganze Jahr stattfindenden Fiestas, zum Ausdruck.
Erwähnenswert wäre der Umzug der drei Heiligen Drei Könige am 5. Januar, sowie das in Las Palmas stattfindende volkstümliche Fest zu Ehren der Jungfrau Rosario. So endlos wie der Pilgerweg dieser Zeremonie scheint, so endlos scheint der Einfluss des Katholizismus auf die kanarische Mentalität, der sich ebenfalls in einer patriarchalischen Familienstruktur niederschlägt.Die Architektur sowie die spanischen Alltagsgewohnheiten wie die Siesta, die sonntäglichen Spaziergänge oder das für den Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftige späte Abendessen sind zweifellos spanischen Einflusses. Von diesem profitieren die Inseln vor allem hinsichtlich der Wirtschaft, denn die Anbindung an den europäischen Markt sorgt für einen Lebensstandard, der den lateinamerikanischen und afrikanischen überbietet. \r\n<br><br>{mosimage}Dafür hat der lateinamerikanische Einfluss zum Bild der Inseln der Glückseeligen beigetragen. Viele Emigranten, die im Zuge der spanischen Eroberung ihr Glück in Lateinamerika, vor allem in Venezuela, gesucht haben, kamen zurück und brachten die dortigen Kulturelemente in die kanarische Gesellschaft.
Die ausgeprägte Freude am Feiern, an der Musik und am Tanz ist bis heute Ausdruck der faszinierenden Mentalität, die so manchen steifen Mitteleuropäer ins Staunen versetzt. Höhepunkt des volkstümlichen Treibens ist der alljährliche Karneval, bei dem die Menschen in ausgefallenen Kostümen, Tage und Nächte lang, die Strassen in eine fantasievolle Landschaft verwandeln, die an Farbenpracht, Lautstärke und Ausgelassenheit der südamerikanischen gleichkommt.Von der heidnischen Kultur der Ureinwohner ist nur wenig geblieben. Der aussichtslose Kampf gegen die mächtigen Eroberer, die folgende Versklavung sowie ihre soziale Benachteiligung zwang die Einheimischen zur übernahme der spanischen Kultur. Dabei war die Kultur der Altkanarier weit weg davon primitiv zu sein. Die Ureinwohner, die spanischen Berichten zu Folge groß, hellhäutig, blond und blauäugig waren, lebten in einer Feudalgesellschaft. Ihre Sozialstruktur verweist auf einen König mit seinen Angehörigen, den Adel und die Bauern, die zur Kahlrasur des Kopfes verpflichtet wurden. Dieses deutet darauf hin, wie streng die Unterscheidung zwischen den Ständen gewesen ist. Eine Besonderheit innerhalb dieser Gesellschaftsordnung kam der Frau zu, denn die Erblinie ging von der weiblichen Seite aus. Zwar konnte die Frau damit nicht die Regierung übernehmen, aber die Entscheidung darüber, wer König wird, oblag ihr, denn durch die Wahl eines Mannes zum Gatten, trat sie ihre Königswürde an diesen ab. Die Frauen waren demnach hoch angesehen.Die Altkanarier glaubten an ein höheres Wesen (Acoran), das sie als obersten Schöpfer betrachteten und ihn der Sonne, dem Regen, der Fruchtbarkeit und den Bergen gleich setzten. Sie lebten im Einklang mit den Naturgesetzten, wohnten in Höhlen, kleideten sich in Felle und betrieben Ackerbau.
Überlieferungen nach, handelte es sich um ein friedvolles Volk, deren Sprache mit dem Berberischen verwand gewesen ist. Heute sind von dieser Sprache nur noch spärliche Elemente übrig geblieben, etwa bei Flur und Ortsnamen. So leben der heutigen kanarischen Identität zwei sich entgegengesetzte Seelen inne, von der die eine von dem Trauma der Eroberung und Anpassung und die andere von der südamerikanischen Lebensfreude geprägt ist. Aus ersterer lässt sicht vielleicht die Passivität, die Lethargie und das gelegentliche Misstrauen gegenüber Fremden erklären. Dieses äußert sich oftmals in gemischten Gefühlen dem Massentourismus gegenüber, der die kanarische Kultur nachhaltig prägt und einer neuen Emigrationswelle gleich kommt.
Vom ewigen Frühling angelockt lassen sich immer mehr mitteleuropäische Einwanderer, vor allem Engländer, Skandinavier und Deutsche auf den kanarischen Inseln dauerhaft nieder. Sie erwerben die besten Immobilien, bringen deutsche oder englische Zeitungen heraus, etablieren eine heimische Versorgungsstruktur mit Ärzten, Anwälten, Maklern oder Autovermietern, errichten vielleicht noch Golfplätze und sorgen mit ihrem imperialistischem Auftreten dafür, dass vor allem bei ärmeren Einheimischen ein uraltes Misstrauen hervorgerufen wird. Die Geschichte der kanarischen Mentalität scheint bis heute eine Geschichte der Migration geblieben zu sein.
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